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Periodenprodukt in »Höhle der Löwen«: »Frauen lassen sich nicht mehr so viel gefallen«

2021-04-14T17:14:11.533Z

Warum es bei der Aufregung um ein Periodenprodukt in der »Höhle der Löwen« auch um Feminismus und zu wenig weibliche Expertise in Start-Ups geht: Zwei Gründerinnen erklären, welche Fortschritte ein pinker Tampon-Handschuh zunichte macht.



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Gründerinnen Zeller (links) und Ernst: »Braucht man dieses Produkt?«

Foto: Jonas Wresch

Falls Sie die letzten 24 Stunden nicht auf Instagram waren, kurz ein Servicevorspann: Es geht dort gerade viel um einen pinken Gummihandschuh, mit dem man Tampons und andere Periodenprodukte »diskret« in den Mülleimer entsorgen soll. Oder sie unterwegs einrollen kann. Er trägt den fragwürdigen Namen »Pinky Gloves«. Zwei Gründer haben das Produkt Montag in der TV-Sendung »Höhle der Löwen« vorgestellt. Ralf Dümmel und Nils Glagau waren begeistert von dem Produkt, das die beiden Männer anpreisten – und boten einen Deal an. Dümmel bekam den Zuschlag und 20 Prozent an Pinky.Die beiden Gründer kamen nach eigenen Angaben auf die Idee, als sie mal zusammen mit Frauen in einer WG lebten und sich dort über die Hygieneartikel im Mülleimer »wunderten«.

Kati Ernst und Kristine Zeller, die ein Start-Up für nachhaltige Periodenunterwäsche betreiben, äußerten sich als eine der ersten kritisch zu dem Produkt, das in der Sendung vorgestellt wurde und in den sozialen Netzwerken und unter Feministinnen gerade unter dem Hashtag #pinkygate für Empörung sorgt. Das Statement der beiden Frauen hat mittlerweile mehr als zwei Millionen Klicks.

SPIEGEL: Frau Ernst, Frau Zeller, wie wurden Sie auf die Sendung am Montag aufmerksam?

Kati Ernst: Wir sind als Gründerinnen Fans der Sendung und waren vor fast zwei Jahren sogar selbst dort, haben am Ende aber kein Investment bekommen. Ich hatte die Sendung nebenbei laufen, den Auftritt aber gar nicht bewusst wahrgenommen. Erst als uns eine Followerin Montagnacht schrieb, haben wir uns den Auftritt der Gründer nochmal genau angeschaut. Und waren sehr schnell sehr entsetzt.

SPIEGEL: Was genau kritisieren Sie an dem Produkt?

Kristine Zeller: Einiges. Und unsere Kritik geht weit über das Produkt hinaus. Eigentlich geht es um die Frage: Warum werden für Frauen so oft Produkte entwickelt, die komplett an den Bedürfnissen der Frauen vorbeigehen? Und das hängt eben damit zusammen, dass an den entscheidenden Stellen in Unternehmen und Kapitalgebern meistens Männer sitzen. An dem vorgestellten Handschuh kann man das leider herrlich durchdeklinieren.

SPIEGEL: Legen Sie gerne los.

Zeller: Zunächst erstmal kurz zum Produkt selbst: Erstens ist es wenig nachhaltig, da es komplett aus Plastik besteht, ist es sogar umweltfeindlich. Dazu ist es überteuert, also es kostet mehr als ein normaler Gummihandschuh. Aber dann kommen wir zu dem wichtigsten Punkt: Braucht man dieses Produkt? Und da fällt uns außer einer tagelangen Wanderung durch den Dschungel ohne Mülleimer eigentlich nichts ein. Aber selbst da könnte man die Binde oder das Tampon auch einfach in einen normalen Haushaltshandschuh einwickeln. Der zudem nur einen Bruchteil kosten würde von dem pinken Handschuh. Und damit kommen wir zu einem weiteren Punkt, der uns und viele andere noch zusätzlich stört. Warum ist das Produkt überhaupt pink? Das ist sexistisch.

»Selbst in deinem eigenen Mülleimer bist du damit nicht mehr sicher vor gesellschaftlichen Erwartungen«

Kati Ernst

Ernst: Und dazu kommt noch etwas, was mich richtig schmerzt. Durch so ein Produkt fangen Frauen überhaupt an zu denken, sie bräuchten so etwas, damit sich Männer nicht vor ihren Tampons im Mülleimer ekeln. Und da geht es eben um mehr. Eine Mutter schrieb uns, dass ihre Tochter sie gefragt habe: Mama, muss ich das benutzen? Dieses Produkt sagt Frauen: Bitte hinterlasse nichts von dir und deiner Menstruation sichtbar im Badezimmermülleimer oder in deiner Hand auf dem Weg zum nächsten Mülleimer. Dein benutztes Tampon ist anstößig und will kein Mann sehen. Eigentlich ist das ein Produkt, das Männerseelen »beschützt«, aber Frauen kaufen sollen. Selbst in deinem eigenen Mülleimer bist du damit nicht mehr sicher vor gesellschaftlichen Erwartungen. Nicht nur das Produkt ist unnötig, es suggeriert auch so vieles, was einfach falsch sind.

SPIEGEL: Sie meinen, Produkte wie die Handschuhe tabuisieren Menstruation wieder neu?

Zeller: Ja. Dieses Produkt macht einfach die Arbeit so vieler Aktivisten, Aktivistinnen, Feministen und Feministinnen zunichte. Es wirft uns wieder zurück auf längst überholte Denkmuster.

»Für mich hatte es den Anschein, dass die Gründer nicht mal wussten, dass nicht nur Frauen menstruieren.«

Kristine Zeller

Ernst: Und natürlich tut es uns auch weh, wenn zwei Männer zur Primetime im Fernsehen sind, die sagen: Wir haben endlich die Periode verstanden und mit einem Investment von zwei anderen Männern rausgehen. Und uns traute man das in der Sendung nicht zu, also unsere Firma erfolgreich zu machen. Denn auch das ist ein strukturelles Problem: Männer entscheiden darüber, welche vermeintlichen Probleme menstruierende Menschen zu lösen haben. Warum wird Männern mehr Kompetenz zugesprochen, Menstruationsprodukte zu entwickeln als Frauen?

SPIEGEL: Mittlerweile haben sich die Gründer mit den Worten entschuldigt: »Uns ist klar geworden, dass wir noch viel lernen müssen.«

Zeller: Wir finden es erstmal gut, wenn man die Größe hat, sich zu entschuldigen. Deshalb: Die Entschuldigung der Gründer fanden wir authentisch und cool. Es wurde einfach klar: Vieles war einfach nicht zu Ende gedacht. Für mich hatte es den Anschein, dass die Gründer nicht mal wussten, dass nicht nur Frauen menstruieren.

Ernst: Das ändert allerdings leider nichts daran, dass das Produkt so wie es jetzt ist in allen Dimensionen unnötig und sexistisch ist. Aber vielleicht führt es dazu, dass die Gründer das Produkt und auch ihre Unternehmensstrukturen nochmal neu überdenken. Das ist ja ein Unternehmen, das komplett in Männerhand ist, alle Frauen, die dort arbeiten sind Angestellte. Und als die Gründer gefragt wurden, ob es denn auch Frauen gibt, die in Pinky Gloves investieren, hat einer gesagt: »Nein, aber ich bin verheiratet.« Darum geht es nicht. Es geht um die mangelnde Partizipation betroffener Menschen an der Produktentwicklung.

SPIEGEL: Auch der Unternehmer Ralf Dümmel ließ heute über seine Sprecherin mitteilen: »Periode ist ein politisches Thema. Und ich gebe zu, dass ich dem nicht die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet habe.«

Zeller: Auch von Ralf Dümmel finden wir es super, dass er öffentlich einsieht, dass hier einiges schiefgelaufen ist. Was wir aber weiter nicht wissen: Was wird sich ändern? Vermarkten sie das Produkt weiter so? Oder nimmt er die Debatte wirklich als Anlass, um zu überlegen in Start-Ups zu investieren, gerne in von Frauen geführte, die die tatsächlichen Probleme von Frauen lösen – auch bei den Themen Menopause, weibliche Libido, Eierstockkrebs gibt es noch einiges zu forschen, zu entwickeln und zu finanzieren. Wir freuen uns auf seinen Beitrag in diesen Bereichen.

SPIEGEL: Welche Lehren ziehen Sie aus dem Pinky-Gate?

Ernst: Dass Frauen sich nicht mehr so viel gefallen lassen.

Source: spiegel

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